Zeit zur Selbstreflexion – wie ich Manager wurde und was sich für mich veränderte

Dieser Blog ist mein Beitrag zur Management-Challenge von Björn Czybik – Danke für die Nominierung, Michael Retzlaff. Björn schreibt einleitend über die (Miss-) Interpretation des Taylorismus und ob es nicht an den „Anwendern“ liegt, die Denken und Handeln (systematisch) trennen. Die Challenge besteht darin, seine Meinung bzw. persönliche Erfahrung zu den Begriffen „Management“ und „Führung“ zusammenzustellen, die beiden Worte jedoch nur drei Mal zu verwenden.

Challenge accepted! Gemäß der Prämisse „du kannst anderen nur helfen, wenn es dir selbst gut geht“ möchte ich im Folgenden die letzten Jahre reflektieren und meine Erfahrungen teilen.


Teil #1 – Es lief…

Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen: Ich saß mit ungefähr tausend anderen jungen Menschen in einer großen Aula, wir alle schauten gespannt auf die Bühne zum Rednerpult. „Schauen Sie bitte alle mal nach links, dann nach rechts – diese Kollegen werden am Ende ihres Studiums nicht mehr neben ihnen sitzen. Es ist ein harter Weg, den nicht jeder schaffen wird. Wir bilden hier die Führungskräfte von morgen aus.“ Einerseits war ich stolz darauf, mein Studium beginnen zu dürfen, andererseits stimmten mich diese einleitenden Worte nachdenklich.

Ich studiere fünf Jahre, fügte mich in ein System ein, dass wenig Individualität zuließ und lernte den „4-gewinnt-Charakter“ kennen. Halbjährlich wurden großen Massen an Wissen abgefragt, ich lerne in kürzester Zeit mir Neues anzueignen. Konkurrenz gab es immer – ich wurde zu einer Einzelkämpferin, denn die Plätze waren begrenzt. Am Tage der Abschlussfeier wurde uns gesagt, dass uns nun alle Türen offenständen, sich die Unternehmen um uns Absolventen reißen würden und dass wir alle sehr schnell einen Platz im Management bekommen würden. Yes, we did it!

Ich begann mein Arbeitsleben und sammelte einige Erfahrungen mit verschiedenen Vorgesetzten. Manche bereicherte mich sehr und ich bin bis heute dankbar für die Impulse – von manchen lernte ich, wie ich nicht werden wollte. Mir wurde schnell klar, wie unser gegenwärtiges System funktionierte: ich arbeitete gewissenhaft, erbrachte mehr Leistung als erforderlich und bekam dafür Anerkennung. Ich stieg auf, ja wenn man so will machte ich bereits in sehr jungen Jahren „Karriere“. Nach 3 Jahren hatte ich den Sprung ins Management geschafft. Anfangs war ich stolz, doch mit zunehmender Zeit wurde ich unglücklich und konnte anfangs gar nicht erklären, woran das lag.


Teil #2 – das vermeintliche Tal der Tränen

In mir hatte ein Wandel begonnen: Zu Beginn meines Arbeitslebens war ich sehr auf das erfolgreiche Umsetzen von Projekten fokussiert, ich beschränkte mich größtenteils auf die Anwendung von Methoden. Kurzum: Mein Fachwissen und mein Ehrgeiz machten mich erfolgreich. Doch mit zunehmender Zeit stieß ich an Grenzen – kulturelle Aspekte, Nachhaltigkeit, der gegenseitige Umgang miteinander, Kommunikation auf Augenhöhe, Wertschätzung und Empathie gewannen für mich immer mehr an Bedeutung – ich verließ die Lean-Methoden-Welt und entdecke die Lean-Werte für mich! Ich spürte, dass es diese Eigenschaften brauchte, um nachhaltig Veränderungen umzusetzen und um Menschen und Prozesse weiterentwickeln zu können.

Was bisher über „Command & Control“ möglich gemacht wurde, verlor für mich an Wertigkeit. „Ich mach das halt, weil mein Chef das will“ – dieser Satz prägte mich und mir wurde zunehmend stärker bewusst, welche Auswirkungen ein klassisches, hierarchisches System auf Menschen und deren Denk- und Handlungsweise hat. Das recht gängig verbreitete Bild der „perfekten Führungskraft“, die alles im Griff hat, nur grüne Kennzahlen vorweisen kann und nie Probleme hat – es war für mich alles andere als perfekt, es passte nicht zu mir. Ich besuchte diverse Seminare, Schulungen und Best Practice Veranstaltungen – die Herausforderungen waren überall ähnlicher Natur.

Ausgelöst durch eine innere Unruhe begann ich, nach Menschen bzw. Organisationen zu suchen, die bereits heute schon „etwas anders“ machten. Ich wähle bewusst eine sehr offene Umschreibung, denn ich hatte großes Interesse an möglichst vielen, verschiedenen Ansätzen. Zurückblickend war ich mit der Art, wie ich im Studium gelernt hatte, nicht zufrieden – ich hatte enormes Fachwissen aufgebaut, mit meiner Persönlichkeitsentwicklung hatte ich mich bis dato nur sehr wenig beschäftigt – wer war ich überhaupt und was wollte ich in meinem Leben erreichen? Ich spürte, dass ich ein anderes Verständnis von Führung entwickelt hatte, dass ich nach anderen Möglichkeiten suchte.


Teil #3 – Was ich für mich lernte…

Durch ein paar Umwege ergab sich die Möglichkeit, sich einer „Working Out Loud“-Gruppe anzuschließen. Ich hatte von der Methode in den sozialen Medien gelesen und war neugierig, was ich über mich selbst und andere lernen würde. Resümierend aus den 12 Treffen muss ich sagen, dass ich begeistert war. Es war neu für mich, im Netzwerk zu lernen – im Vergleich zur Universität gänzlich konträr – und von den Erfahrungen meiner Gruppenmitglieder zu profitieren. Obwohl wir uns zu Beginn alle nicht kannten, entwickelte sich schon nach kurzer Zeit ein sehr vertrauensvolles Verhältnis und das Bedürfnis, einander bei den gewählten Aufgabenstellungen zu helfen. Wissen zu teilen und gemeinsam weiterzuentwickeln war ein tolles Gefühl!

Ich lernte immer mehr Menschen kennen, die ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht hatten und teilweise schon dabei waren bzw. es auch noch heute sind, neue Wege zu gehen. Es bereicherte mich unglaublich, dass diese Menschen freiwillig ihr Wissen mit mir teilten, mich zu diversen Meetingformaten und Wissensplattformen einluden und mir so (wahrscheinlich unbewusst) halfen, mich selbst zu finden. Auch entdeckte ich entwicklungsphychologische Modelle wie das Spiral Dynamics oder die Stufen der Ich-Entwicklung nach Jane Loevinger, die mir halfen, zu verstehen, wie Menschen „ticken“ und sich entwickeln.

Ich entschied mich bewusst, nicht mehr in das Korsett passen zu wollen und auf meinen inneren Antrieb zu hören – ich hatte mich weiterentwickelt. (Um in den Spiral Dynamics-Farben zu bleiben, hatte ich mich über die Jahre von blau/ orange in Richtung grün/ gelb entwickelt.) Zunächst kostete es mich viel Mut und Überwindung, mir und anderen einzugestehen, dass ich „anders“ bin, doch es wirkte unglaublich befreiend. Heute bin ich sehr dankbar dafür – und natürlich hoffe ich, dass noch viele andere Menschen solchen „Mut-Ausbrüche“ haben werden!

Um nun auf die eigentliche Challenge zurück zu kommen und um zu erklären, was „anders“ für mich bedeutet, hier zusammenfassend meine nun doch schon etwas länger gereiften Gedanken zu Management und Führung: Beide Wörter werden sich in ihrer Interpretation im digitalen Zeitalter verändern. Ob sie langfristig noch so heißen, oder ob andere Begriffe sie ersetzen werden, bleibt abzuwarten. Reinhard K. Sprengler schreibt in seinem Buch „Radikal Digital“ aus meiner Sicht sehr passend:

„Sie haben wunderbare Jahre vor sich! Intensive Jahre, da wird keine Langweile aufkommen. Es werden Jahre sein, die Sie wirklich fordern. Die Arbeitswelt wird sich stark verändern, das Tempo wird zunehmen. Ich erinnere mich an die Frage eines Kongressteilnehmers an die Referentin: „Wann hört denn diese Digitalisierung endlich auf?“ Er hatte die Lacher auf seiner Seite. Sie ahnen es: Für den Rest ihres Berufslebens werden Sie damit zu tun haben. Es werden zudem Jahre sein, die Sie auch „heraus“-fordern. Die Ihnen die Möglichkeit geben, ein anderer, ganz Neuer zu werden. Ein Mensch, der beziehungsreicher ist, verbundener. Denn unser Wesen ist nicht, wer wir sind. Sondern wer wir mit anderen Menschen sind.“

Die digitale Transformation, die in so vieler Munde ist, ist für mich keine Frage der Technik, sondern der Kultur. Im Kern ist sie eine soziale Transformation – denn es wird auf den Menschen ankommen!

Ein Bild, das Text, Karte enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

„Leadership isn’t about being great, it’s about enabling others to be great!“

Es braucht Leidenschaft für die Sache, Überzeugungskraft, eine visionäre Denkweise, Mut, den Willen, lebenslang lernen zu wollen, Empathie, Offenheit und die Fähigkeit der (Selbst-) Reflexion, um aus Menschen eine wertvollere Version ihrer selbst zu machen. Soweit meine Ausführung!

Titelbild: ID 41256282 © Woraphon Banchobdi | Dreamstime.com

Kategorien Erfahrungen, Impulse, New Work

1 Kommentar zu „Zeit zur Selbstreflexion – wie ich Manager wurde und was sich für mich veränderte

  1. Das ist eine Super-Darstellung des Geschehens.
    Das ist es… Ja, so ist es!
    Die Gedanken kann ich mehr als nachvollziehen. So habe ich das in meinem Berufsleben auch wahrgenommen und erlebt. Die Aneignung von Wissen allein reicht nicht.
    „Führen durch Persönlichkeit“ habe ich in den 1980 er Jahren mal von Prof. Dr. Dr. Rudolf Affemann gelernt.
    Gelernt habe ich dort auch: „Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben“.
    Ihrer Darstellung entnehme ich sie Sichtweise: “ Der Mensch reift mit seiner Selbstreflexion“, die ich nur unterstützen kann.
    WOL habe ich als wohl ältester Teilnehmer in einer Parallelgruppe genauso erfahren, wie Sie es im Artikel darstellen. Eine tolle Erfahrung.

    Gefällt 1 Person

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