Unternehmen im digitalen Aktionismus – Impulse für den erfolgreichen Einstieg in die vierte industrielle Revolution

Industrie 4.0, Internet of Things, Machine Learning, Cloud Computing, künstliche Intelligenz oder Virtual Reality – all diese Buzzwords sind derzeit aus den Medien nicht mehr weg zu denken und werden teils kontrovers diskutiert. Doch was bedeuten sie tatsächlich für Unternehmen und schlussendlich für das Individuum Mensch? Wie begegnen Unternehmen der vierten industriellen Revolution? Was können Sie als Unternehmen konkret angehen, um ihre Organisation für das digitale Zeitalter vorzubereiten? Ist es ausschließlich der Einsatz von Technologien?

# Keine Frage der Technik, stattdessen ist der Umgang mit Unsicherheit gefragt

Wirft man einen Blick zurück in die Vergangenheit und untersucht, welche Auswirkungen die vorangegangenen Revolutionen mit sich gebracht haben, wird deutlich, dass sich nicht nur die Technologien verändert haben. Ebenso haben die Erfindung der Wasser- und Dampfmaschinen (1.0), die Einführung des arbeitsteilenden Fließbands (2.0) und der Einsatz von Elektronik und IT zur Automatisierung vieler Bereiche (3.0) auch die Geschäftsmodelle, das Verhalten der Menschen, den Führungsstil sowie Organisationsformen geprägt. Jede Epoche weißt charakteristische Eigenschaften vor, die sich gänzlich von den Vorangegangen aber auch von den Nachfolgenden unterscheiden – daher wird auch von „Revolution“ gesprochen.

Übersicht der industriellen Revolutionen (eigene Darstellung)

Derzeit befinden wir uns in einer Übergangsphase zwischen Industrie 3.0 und Industrie 4.0 – diverse Technologien werden bereits auf dem Markt angeboten, Automatisierung ist keine Seltenheit mehr, kleine Start-Ups sprießen aus dem Boden und stellen manch traditionelles Geschäftsmodell auf die Probe. Das Internet ermöglicht Informations- und Datenaustausch binnen weniger Sekunden – die Fülle ist dank Plattformen, sozialer Netzwerke und Suchmaschinen gigantisch. Politische Entscheidungen sorgen für Unsicherheiten, Tweeds und Posts verändern Situationen in kürzester Zeit, die Märkte werden zunehmend dynamischer und unberechenbarer, die Forecasts unschärfer. Es ist zu vermuten, dass sich diese Situation ehr verstärken, als abschwächen wird, denn die Nutzung der Technologien sowie der Zugang dazu ist heute ausgeprägter und einfacher denn je.

Die gegenwärtige Ausgangssituation vieler produzierender Unternehmen lässt sich mit der Metapher einer gut geölten Maschine beschreiben – ein Mix aus Industrie 2.0 und 3.0. In den vergangenen Jahrzehnten stand Effizienz und Standardisierung im Zuge der Automatisierung stark im Vordergrund, sinnbildlich alle Rädchen innerhalb der Maschine möglichst ideal aufeinander einstellen, für ausreichend Ölung sorgen und die Drehgeschwindigkeit erhöhen. Die Unternehmen haben ein festgelegtes, bewährtes Geschäftsmodell, die Strukturen sind stabil, die Rollenverteilung klar definiert – kurz: die Maschine brummt.

Doch was passiert nun mit der brummenden Maschine, wenn Geschäftsmodelle auf die Probe gestellt werden und die Berechenbarkeit der Märkte abnimmt? Wie verhalten sich die Rädchen, wenn die „VUKA-Welt“-Einflüsse zum Tragen kommen und anstelle Stabilität Flexibilität und Wandlungsfähigkeit gefordert ist?

# Weil der Mensch den Unterschied ausmachen wird

Greifen wir nochmals das Beispiel mit der gut geölten Maschine auf: Das Verständnis der Rolle des Menschen in einem solchen System ist das Anstreben einer 100%-Ressourcen-Auslastung. In vielen Bereichen wird der Mensch an den Stellen eingesetzt, an denen eine Automatisierung unwirtschaftlich oder gar nicht möglich ist. Diese Haltung erweckt den Beigeschmack, dass der Mensch Dienst nach Vorschrift leistet, seine klar definierten Pakete abarbeitet und für Individualität nicht viel Freiraum bleibt – nein, sie ist sogar gar nicht erwünscht und wird in diesem System auch nicht gefördert.

Paradoxerweise ist es jetzt nun aber genau das Zeitalter der Digitalisierung, das eine „Re-Integration“ des Menschen in die Wertschöpfungsketten bewirkt. Künstliche Intelligenz wird derzeit stark beforscht und in vielen Fällen bereits angewendet – doch was macht künstliche Intelligenz tatsächlich? Sie erkennt Muster, basierend auf Datenanalysen. Sie verbessert bereits Bestehendes, gibt Vorschläge und erweitert „ihr Wissen“ durch mögliche neue Mustererkennungen. Das Schaffen von etwas Neuem wird durch künstliche Intelligenz nicht möglich sein. Auch wird es weiterhin Tätigkeiten und Aufgaben geben, die nicht durch künstliche Intelligenz und Robotik abgelöst werden können. Der Automobilist Toyota sorgte Anfang 2019 mit der Schlagzeile „Künstliche Intelligenz – Toyota feuert die Roboter“ für Aufsehen und animierte zum Nachdenken – scheinbar ist Technologie nicht alles?!

Evolution des menschlichen Gehirns (eigene Darstellung)

Betrachtet man die Entwicklung des menschlichen Gehirns und eröffnet die Frage, wohin uns die Digitalisierung führt, ist kritisch anzumerken, dass der Weg möglicherweise auch zu einer Identitätskrise des Menschen führen könnte. Bereits seit vielen Jahren sind diverse Devices fest in unser tägliches Leben involviert, sie bestimmen es teilweise sogar. Wir verlassen uns zunehmend auf unsere „Gehilfen“ – fragen Alexa oder Siri nach dem Weg, geben Befehle, lassen uns bei neueren Automobilmodellen teilautonom fahren, erhalten visuelle Anweisungen über Glasses… Wir begeben uns in ein gewisses Maß der Abhängigkeit, hören auf selbst zu denken, geben Verantwortung und Selbstbestimmung ab.

Bitte halten Sie an dieser Stelle kurz inne und überlegen Sie, was Sie ohne ihre technischen Gehilfen wären. Und gehen Sie anschließend noch weiter: Was glauben Sie wie die Entwicklung voranschreitet? In welcher Welt werden ihre Kinder leben? Werden Sie angeleitet von Robotern? Der Artikel soll nicht dazu dienen, eine Argumentation gegen den Einsatz von Technologien vorzubringen. Nein, gar nicht. Es geht ausschließlich um eine kritische Betrachtung des Individuums Mensch, dessen Entwicklung und Zukunftsperspektiven. Wenn wir die Ansätze aus der zweiten und dritten industriellen Revolution weitertreiben (Taylorismus, Effizienzdenken, volle Automatisierung) und diese „nur“ um neue Technologien erweitern, bleibt offen, wie erfolgreich dieses Modell sein wird.

Was wäre eine Alternative: Bedingt durch den demografischen Wandel und eine andere Werte- und Lebensvorstellung der jungen Generationen, zeigt sich bereits heute, dass es schwer ist, gut qualifizierte Mitarbeiter zu finden und langfristig zu binden. Der Wunsch nach Selbstbestimmung und Individualität steigt – die Geschäftsmodelle sind so ausgelegt. Individuelle Turnschuhe, „meine“ Turnschuhe, Losgröße 1, nur für mich auf Wunsch gefertigt. Warum sollte sich die Vorstellung bezüglich des Arbeitsumfelds gänzlich vom Einkaufverhalten unterscheiden?

Im digitalen Zeitalter wird der Mensch den Unterschied ausmachen – allerdings nicht der Mensch aus der Maschinen-Metapher, sondern der Mensch als Individuum. Neue Formen der Arbeit, Stichwort: New Work und Selbstorganisation, weiten sich aus und rücken zunehmend in den Fokus. Die klassische, traditionelle Führungshaltung „Ich weiß es besser als Du!“ wandelt sich zu „Ich weiß etwas anderes als Du, lass uns gemeinsam eine Lösung erarbeiten!“ oder „Ich freue mich, wenn du Führung und Verantwortung übernimmst!“. Ziel ist das Schaffen einer lernenden Organisation, die jederzeit schnell auf mögliche Unvorhersehbarkeiten reagieren kann. Dies kann nur durch mitdenkende, Verantwortung übernehmende Mitarbeiter realisiert werden, denn einige wenige Manager werden der Geschwindigkeit und Komplexität nicht standhalten können.

# Was können Sie als Manager konkret tun – Reflektieren Sie ihr Führungsverhalten und seien Sie offen für neue Ansätze

Wie bereits im oberen Teil beschrieben ist, sind die eingesetzten Technologien das Sichtbare, Greifbare in der vierten industriellen Revolution. Viele Unternehmen stürzen sich in ihrem Aktionismus, „auch etwas für Industrie 4.0 zu tun“, auf diesen Bereich. Einerseits mag dies richtig und gut sein, erste Erfahrungen zu machen und Wissen aufzubauen. Allerdings reicht das reine Beschäftigen mit Technologien und Digitalisierung nicht aus – die Organisation will auch mitgenommen werden. Kulturelle Veränderungen werden gebraucht, um geforderter Flexibilität und Wandlungsfähigkeit begegnen zu können.

Und genau das ist es, was Sie als Manager in ihrem Bereich tuen können. Gehen Sie aufrichtig mit sich in Selbstreflexion und überlegen Sie sich, wie sie ihre Mitarbeiter weiterentwickeln können und wie sie Freiräume für Potentialentfaltung schaffen können (Tipp: Manager im Feuerwehrmodus). Langeweile wird in den kommenden Jahren nicht auf Sie zukommen, frei nach dem Motto: „Wann ist diese Digitalisierung endlich fertig?“. Sie werden ihre Mitarbeiter brauchen um bei dem zunehmenden Veränderungstempo mithalten zu können. Nutzen Sie das Potential!

Titelbild: ID 129805491 © Wrightstudio | Dreamstime.com

Kategorien Agile Thinking, Digitale Transformation, Impulse, Lean Thinking, Organisationsentwicklung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close